Handelsforum Saar 2009:: Handelsforum Saar 2009 Rückblick
Rückblick auf 50 Jahre Dynamik im Handel
Mit dem Handelsforum Saar 2009 setze der Landesverband Einzelhandel und Dienstleistung Saarland die Reihe von Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft der Förderer des Instituts für empirische Wirtschaftsforschung an der Universität des Saarlandes und der Industrie- und Handelskammer des Saarlandes fort.
2009 ist ein Jahr der Jubiläen. Das Grundgesetz wurde in diesem Jahr 60 Jahre alt. Das Saarland feierte den fünfzigsten Jahrestag des Tages X, den wirtschaftlichen Anschluss des Saarlandes an die Bundesrepublik Deutschland. Vor 20 Jahren ist es durch das Engagement der Bürger der DDR gelungen, dass die Mauer fiel und der Weg zur Wiedervereinigung frei gemacht wurde.
In seiner Begrüßung äußerte sich Präsident Hans E. Agostini in der Tradition seiner Vorgänger zur Situation im saarländischen Einzelhandel und zu Themen, die diesen betreffen. Er bezeichnete die wirtschaftliche Situation in Anbetracht der im Allgemeinen als Krise bezeichneten Situation als relativ robust. Er ging auf die Umsatzentwicklung und die Unterschiede in den einzelnen Branchen ein.
An die Politik gerichtet, warnte Agostini eindringlich davor, die Mehrwertsteuer nach 2007 ein weiteres Mal zu erhöhen. Er mahnte eine Korrektur der Unternehmenssteuerreform im Hinblick auf die Einbeziehung der Ladenmieten bei der Gewerbesteuer an. Kritisch äußerte sich der Präsident zu Überlegungen in der künftigen schwarz-gelb-grünen Regierungskoalition im Saarland, probeweise die Öffnung des Einzelhandels in Citylagen donnerstags bis 22 Uhr zuzulassen. Das scheinbar erledigte und jetzt in Form geänderter Pläne wieder aufgetauchte FOC Wadgassen und das gigantische Projekt „Stadtmitte am Fluss“ in Saarbrücken waren weitere Themen der Ansprache.
In seinem Grußwort erinnerte Dr. Christian Ege, geschäftsführender Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft und Wissenschaft des Saarlandes, an den „Tag X“ und warum er so genannt wurde. Er bezeichnete das Saarland als Land mit großer Handelstradition. Der Staatssekretär verwies auf die Kaufkraft der Franzosen, die angesichts des vielfach vorhandenen Preisvorteils zum Einkauf ins Saarland kommen und forderte mit der Bemerkung, das Saarland sei noch nicht französisch genug, dazu auf, diese Stellung auszubauen.
Was die von Präsident Agostini angemahnte Korrektur der Unternehmensbesteuerung angeht, erkannte Ege die Bedeutung der Mieten im Einzelhandel an. Er empfahl, das Bundesfinanzministerium hierauf anzusprechen. Zum Ladenschluss Stellung nehmend, erinnerte der Staatssekretär an das Auslaufen des Ladenöffnungsgesetzes Saarland am 31.12.2010. Er bezeichnete dies als interessante Möglichkeit, Änderungen auszuloten.
Hauptredner des Abends war Univ.-Prof. Dr. Joachim Zentes, Direktor des Instituts für Handel und internationales Marketing an der Universität des Saarlandes. Sein Vortrag zeigte die dynamische Entwicklung des deutschen Handels in den zurückliegenden Jahren auf und verdeutlichte, wie das gesellschaftliche Umfeld den Handel geprägt hat, und wie erfolgreiche Handelsunternehmen agiert haben, um auch heute noch zu den Siegern zu gehören. Hier seine Kernaussagen:
In den 1950er Jahren war der Handel in Westdeutschland gekennzeichnet durch Wiederaufbau und Wirtschaftswunder und dem Übergang vom Schwarzmarkt zum Supermarkt. Man sprach von einer Fresswelle mit dem „männlichen Wohlstandsbauch als Zeichen für Erfolg“. Die Bedienungsläden und Fachgeschäfte dominierten. Elektro-Großgeräte rückten auf die Wunschliste der Verbraucher. Es herrschte eine atomistische Marktstruktur. Die Verfügbarkeit der Ware stand im Vordergrund. Akquisition und Kundenbindung waren ohne Bedeutung.
Im Saarland waren die 1950er Jahre geprägt durch die „kleine Wiedervereinigung“. Der politischen Rückgliederung 1957 folgte zwei Jahre später die wirtschaftliche mit dem Wechsel vom französischen Franc zur deutschen Mark. In der Wirtschaft kam es zu einem tiefgreifenden Strukturwandel. Ein Babyboom ließ die Bevölkerung von 1950 bis 1966 um mehr als 180.000 Menschen steigen, was ungefähr der heutigen Einwohnerzahl von Saarbrücken entspricht. Die Landeshauptstadt hatte in der Handelsstruktur eine herausragende Zentralität. 1951 betrug der Bevölkerungsanteil knapp 12 % und der Einzelhandelsumsatz rund 30 %.
In den 1960er und 1970er Jahren war in Westdeutschland das gesellschaftliche Umfeld durch die Entdeckung des Lifestyles gekennzeichnet. Im Handel begann der Siegeszug der Selbstbedienung. 1962 eröffnete der erste Discounter der Brüder Theo und Karl Albrecht. Die Verbrauchermärkte und SB-Warenhäuser traten in den Markt ein. Autokunden-orientierte Betriebstypen und Standorte entstanden. Die Warenhäuser erlebten ihre Blütezeit und steigerten ihren Marktanteil und insbesondere die Zahl ihrer Verkaufsstellen. Der Versandhandel expandierte. Das Aufkommen neuer Einkaufszentren (Shopping Center) war zu beobachten. Offensive/aggressive Preispolitik erlebte einen Bedeutungsanstieg.
Im Westdeutschland der 1980er Jahre entstanden die Begriffe Erlebnis- und Basiskauf/ Event-Shopping und Versorgungskauf. Passagen und Großflächendiscount breiteten sich aus. Dem Siegeszug der Fachmärkte stand ein Bedeutungsrückgang der Fachgeschäfte gegenüber. Die Innenstadt verlor für den Einkauf an Bedeutung. Dem wirkte man durch die Steigerung der Attraktivität der Fußgängerzonen aus den 1960er/1970er Jahren entgegen. Mit der Schaffung von City-Marketing-Konzepten wurde die Stadtmitte gegenüber den Einkaufszentren profiliert. Ladenpassagen und Galerien wurden errichtet. Der beginnende Siegeszug der Fachmärkte ging mit einem Rückgang der Fachgeschäfte einher. Erste Eigenmarken entstanden. Neue Techniken wie z.B. Scannerkassen hielten Einzug. Es kam zur Sortiments- und Preisprofilierung durch Eigenmarken und zu ersten Ansätzen einer Bio- und Umweltorientierung. Durch Kundenkarten und Serviceleistungen versuchte der Handel, Kunden an sich zu binden. Die Printwerbung in Form von Anzeigen, Prospekten und Plakatanschlag mit Preisorientierung dominierte.
Nach der Wiedervereinigung kam es im ostdeutschen Handel in den 1990er Jahren zu einem tiefgreifenden Strukturwandel. In den neuen Bundesländern gab es – anders als im Westen – ein hohe Verkaufsstellendichte im Food-Bereich und eine niedrige im Non-Food-Bereich. Es gab Ausstattungs- und Versorgungsdefizite bei hochwertigen Gütern. Das „Going East“ westdeutscher Handelsunternehmen hatte eine gigantische Verkaufsflächenexpansion bei rückläufiger Bevölkerung zur Folge.
Die Gesundheits-, Bio-, Öko- und Sozialorientierung im Gesamtdeutschland der 1990er Jahre bis heute, das Streben nach Convenience und gravierende Veränderungen im Bevölkerungsaufbau veränderten die Handelsstruktur weiter. Einkaufsmöglichkeiten, Freizeitgestaltungs- und Unterhaltungsangebote verschmolzen. Tankstellenshops und Express-Formate als Convenience-Stores nahmen zu. Das Internet als Informations-, Kommunikations- Verkaufs- und Distributionskanal gewann an Bedeutung. Die Hersteller nahmen den parallelen Vertrieb über mehrere Absatzkanäle auf und erschlossen ausländische Absatzmärkte. Soziale Netzwerke/Kundennetzwerke sind ein neuer Ansatz der Kommunikation. Durch Beleuchtung, Akustik, Gerüche und Temperatur soll eine erlebnisorientierte und atmosphärische Ladengestaltung erreicht werden. Elektronische Einkaufshilfen werden als weitere Bestandteile des Instore-Markteting gesehen.
Wie überlebt man im Handel? Zur Beantwortung dieser Frage präsentierte Zentes das Ergebnis einer persönlichen, offenen Befragung von zehn saarländischen Unternehmern aus verschiedenen Branchen. Sieben Unternehmen sind seit ihrer Gründung in der gleichen Branche tätig, acht haben seither expandiert. Bei den Gründen für die Standortwahl waren Tradition und familiärer Hintergrund häufiger als eine Zufallsentscheidung. Als Alleinstellungsmerkmal für die Unternehmen steht gut ausgebildetes Personal vor Ware/Sortiment und Service an erster Stelle. Als Kernkompetenzen der Unternehmen wurden Beratung, Angebot, Einkaufskompetenz, Einsatz moderner Technik und die Lösung von speziellen Kundenproblemen genannt. Zu den Erfolgsfaktoren der Champions zählen für die befragten Unternehmer gut ausgebildete Mitarbeiter, Dienstleistungen/Services, beispielsweise durch Werbung und Aktionen immer im Gespräch bleiben, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, kontinuierliche Anpassung der Produktpalette/Sortimente im Hinblick auf sich verändernde Kundenwünsche und ein individuelles Angebot. Als Erfolgsfaktoren der Champions weiter genannt wurden Differenzierung vom Wettbewerb, langfristiges Denken und Handeln, Unternehmerdenken, regelmäßige Erkundigungen nach der Kundenzufriedenheit, sinnvolle Gewinnverwendung, Betriebe immer wieder auf einen aktuellen Stand bringen und Geschäftsprozesse effizient abwickeln. Ihre Zukunftsaussichten beurteilten sieben Unternehmer positiv, zwei neutral und einer negativ.